Zollabwicklungen in der Türkei – Eine Geduldsprobe für Im- und Exporteure


© tashatuvango - Fotolia.comMehr als 5 Millionen Zollanmeldungen wurden im letzten Jahr in der Türkei gestellt – eine Menge Arbeit für die gerade mal 11.650 Zollbeamte und 300 Zollprüfer, die für die Zollabfertigung und Kontrolle der Im- und Exportwaren zuständig sind. Besonders bei der Importabwicklung in der Türkei beobachten Experten häufig Probleme in der Verzollung. Für eine zügige Abwicklung sind gute Kontakte zum Zoll oder erfahrene Partner in der Türkei unerlässlich.

 

Zollanmeldung mit Originaldokumenten

Im Jahr 2012 wurden in der Türkei Waren und Dienstleistungen im Wert von 236,5 Milliarden US Dollar importiert. Hinzu kamen Exporte im Wert von 152,5 Milliarden US Dollar. All diese Waren müssen beim Zoll angemeldet werden –  und zwar von Hand ausgefüllt! Ausnahmen gibt es, wenn man von dem Ministerium für Zoll und Handel eine Bewilligung zur Teilnahme am Online-Verfahren erhält. Allerdings gibt es kein einheitliches System, wie beispielsweise die deutsche Zollverwaltungs-Software ATLAS, für die automatisierte Abfertigung und Überwachung des grenzüberschreitenden Warenverkehrs. Die Im- und Exportabwicklung erfolgt über verschiedene, selbstentwickelte Software Programme türkischer Unternehmen. Doch auch mit der Online-Zulassung lässt sich nicht alles elektronisch abwickeln, so muss beispielsweise trotzdem jeder Antrag zum Zoll gebracht und dort abgestempelt werden. Hinzu kommt, dass nur Originalpapiere oder notariell beglaubigte Kopien akzeptiert werden, keine Kopien. Das erschwert und verzögert in vielen Fällen den Transportprozess.

Eine Lockerung der Vorschriften für Zolldokumente und eine Single Window Lösung zur elektronischen Datenkommunikation – wie ATLAS –, wird von allen Wirtschaftsbeteiligten gewünscht, bislang aber vom Türkischen Ministerium für Zoll und Handel nicht genehmigt.

Verzögerungen bei der Bewilligung von Zollverfahren mit wirtschaftlicher Bedeutung

Dem Antrag auf die Bewilligung eines Zollverfahrens mit wirtschaftlicher Bedeutung sind oft umfangreiche Vorpapiere beizufügen. Dazu zählen beispielsweise ein kostenpflichtiger IHK-Report, Vertragsunterlagen, Gutachten oder Zusagen von öffentlich rechtlichen Anstalten und Vereinen. Welche Papiere genau für die Bewilligung benötigt werden, liegt oft im Ermessensspielraum der Bewilligungsbehörde. Durch die Einbindung unterschiedlicher Behörden ins Bewilligungsverfahren entstehen sehr lange Kommunikations- und Entscheidungswege. Dadurch kommt es immer wieder zu Verzögerungen. Die Einführung einer Single-Window Lösung ist einer der zentralen Lösungsansätze der Zollverwaltung. Solange jedoch der Kompetenz- und Personalkampf der türkischen Behörden untereinander vorherrscht, wird ein struktureller Wandel nicht möglich sein.

Ein- und Ausfuhrkontrollen durch die Turkish Standards Institution

Die Ein- und Ausfuhrkontrollen in der Türkei werden von der Turkish Standards Institution durchgeführt. Wenn der Verdacht besteht, dass die Waren nicht sicher sind oder den zutreffenden Verordnungen nicht entsprechen, wird eine Zollbeschau gefordert. Entsprechen die Waren den Vorgaben, erstellt die Turkish Standards Institution eine Übereinstimmungserklärung. Dann werden die Waren, wie auch in Deutschland, in den freien Verkehr überlassen. Für Waren, deren Übereinstimmung nicht festgestellt wird, wird der Im- oder Export verweigert. Für Waren mit Ursprung in der Europäischen Union muss außerdem ein entsprechender Ursprungsnachweis durch die IHK erbracht werden.

Engpässe bei der Zollbeschau

Mindestens 70 Prozent der Importsendungen werden vom türkischen Zoll beschaut, das heißt, dass sie zur physischen Kontrolle zu den Zollkontrollstellen gebracht und dort von Zollprüfern untersucht werden. In Hamburg sind es gerade einmal 10 Prozent, die aufgrund des Verdachtes eines Verstoßes entweder beim Zollhof vorgeführt werden müssen oder von einer mobilen Zolleinheit zum Beispiel direkt an den Terminals oder in Lager- und Packbetrieben kontrolliert werden. Aufgrund des geringen Personalstamms des türkischen Zolls und der sehr begrenzten Lager- und Kühlmöglichkeiten, kommt es immer wieder zu Verzögerungen bei der Einfuhrabfertigung. Dies führt besonders im temperaturempfindlichen Lebensmittelbereich häufig zu Problemen. Im Export läuft es reibungsloser: Die Kontrollquote im Export ist deutlich geringer als im Import. Das kann unter anderem daran liegen, dass die einheimische Industrie gefördert werden soll. Mehr zugelassene Zollprüfer sowie größere Lager- und Kühlflächen würden helfen, die wirtschaftlichen Verluste durch Verzögerungen in der Transportkette oder durch verdorbene Waren zu reduzieren. 

Die Rolle der Zollagenten

Zollanmeldungen können in der Türkei ausschließlich von staatlich geprüften Zollagenten gestellt werden. Derzeit gibt es rund 4.000 Zollagenten, die zollrechtliche Verfahrenshandlungen und Beratungen durchführen dürfen. Um den Status eines Zollagenten zu erhalten, müssen ein Wirtschaftswissenschaftliches Studium, eine zweijährige Ausbildung bei einem Zollagenten und eine staatliche Prüfung durch das Türkische Ministerium für Zoll und Handel (Gümrük ve Ticaret Bakanligi) absolviert werden. Dem Ministerium ist besonders viel daran gelegen, die zentrale Kontrolle darüber zu bewahren, welche Waren in die Türkei importiert werden. Daher wird die Anzahl an handlungsberechtigten Zollagenten sehr gering gehalten.

In Deutschland bedarf es keiner staatlichen Prüfung durch Ministerien oder Kammern. Jeder Wirtschaftsbeteiligte, der einen Zugang zum IT-Verfahren ATLAS (Automatisiertes Tarif- und Lokales Zollabwicklungssystem) besitzt, kann Zollabwicklungen durchführen.

Darüber hinaus tragen Zollagenten in der Türkei ein verhältnismäßig hohes Risiko, da sie gesetzmäßig immer die Zollschuldner sind und bei allen Belangen mit haften. In Deutschland hingegen haftet das im- oder exportierende Unternehmen, das die Zollabwicklung durchführt oder einen Zollagenten beauftragt.

Die Bewilligung von AEO-Zertifizierungen für qualifizierte Im- und Exporteure zur eigenständigen Zollanmeldung würden zu erheblichen Vereinfachungen und Beschleunigungen führen.

Hohe Kosten für Zolldienstleistungen

Die Kosten für die Leistungen von Zollagenten werden in der Türkei von dem Ministerium für Zoll und Handel festgelegt. Dadurch haben alle Zollagenten das gleiche Preisniveau. Im Vergleich zu den durchschnittlichen Kosten von Zollagenten in Deutschland, die auch preislich im Wettbewerb zueinander stehen, ist die Zollabwicklung über türkische Agenten fast doppelt so teuer.

Erschwerte Lieferbedingungen für ausländische Firmen

Ohne Firmensitz in der Türkei kann eine ausländische Firma keine türkische Steuernummer beantragen und somit auch keinen Call-Off Stock einrichten. Der Im- oder Exporteur muss daher im Zollgebiet der Türkei ansässig sein. Dadurch sind beispielsweise keine DDP Lieferungen in die Türkei durch ausländische Unternehmen und keine EXW Lieferungen aus der Türkei an ausländische Unternehmen möglich. Waren verbleiben in der Praxis meist in der türkischen Freizone und werden von dort abgeholt.

Entscheidende Partnerwahl in der Türkei

Für eine zügige Zollabwicklung ist es in der Türkei extrem wichtig, gute Kontakte zum Zoll zu haben und als vertrauensvoll zu gelten. Daher ist es ratsam, mit erfahrenen und zuverlässigen Partnern zusammenzuarbeiten. Der Hamburger Zollspezialist Porath Customs Agents hat sich beispielsweise auf die Abwicklung von Im- und Exporten in und aus der Türkei spezialisiert und sein Partnernetzwerk vor Ort ausgebaut. Poraths Türkei-Experte und Muttersprachler John Ogan Muelayim unterstützt mit landesspezifischem wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Fachwissen von Hamburg aus deutsche und türkische Unternehmen bei der Geschäftsentwicklung.

Der Hamburger Hafen als Drehscheibe für Türkeiverkehre

Rund 1,42 Millionen Tonnen wurden 2012 im Verkehr mit der Türkei über den Hamburger Hafen umgeschlagen, darunter  54.120 TEU (20-Fuß-Standardcontainer). Darin geladen waren überwiegend Sekundärrohstoffe, Abfälle, Nahrungs- und Genussmittel, Chemische Erzeugnisse sowie Maschinen, Ausrüstungen und Haushaltsgeräte.

Im ersten Halbjahr 2013 zog der Containerverkehr deutlich an: Mit 35.000 TEU wurden insgesamt 31,5 Prozent mehr zwischen Hamburg und der Türkei umgeschlagen als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Dies lässt die Türkei als Handelspartner in Hamburg um vier Plätze auf Rang 25 in der Bestenliste aufrücken.

Zurückzuführen sind die steigenden Mengen auf das neue Liniendienstangebot „FEMEX 1“ der Reederei CMA CGM, das Hamburg seit März dieses Jahres mit dem östlichen Mittelmeer verbindet. Insgesamt verkehren zwischen dem Hamburger Hafen und der Türkei aktuell sieben Liniendienste, darunter auch zwei Mehrzweck-/Stückgutdienste. Massenguttransporte erfolgen bei Bedarf im Trampverkehr.